» STATEMENTS » Christian Olding
  Startseite labern/verkünden: Die christliche Blogosphäre
  ÜBERSICHT | EDITORIAL | TITELSTORY | INTERVIEW | STATEMENTS | ÜBER DIE AUTOREN
Diese Seite empfehlen Als Druckversion öffnen Als PDF herunterladen
  ZURÜCKBLÄTTERN WEITERBLÄTTERN
     
 
 

Christian Olding, 38 Jahre, arbeitet als Pastor in der katho­lischen Pfarrei St. Maria Magdalena in Geldern am Niederrhein. 2011 wurde er zum Priester geweiht. Mit seinem Projekt „Vision von Hoffnung“ arbeitet er daran, den Glauben für Menschen wieder alltagsrelevant zu machen. 2017 erschien sein Spiegel-Bestseller „Klartext bitte! Glauben ohne Geschwätz“. Außerdem veröffent­licht Christian Olding regelmäßig Impulse auf katholisch.de und ist in den Kirchenformaten des DLF zu hören.

 

 
   

 

 

 

Müsste nicht eigentlich jeder katholische Priester ein Sinnfluencer sein?

Meine erste und intuitive Reaktion auf diese Frage lautet: Was denn noch alles?

Was ein katholischer Priester zu sein hat, ist mindestens so vielfältig, wie es Menschen mit ihren Bedürftigkeiten in einer Pfarrei gibt. Da die bekanntermaßen in den vergangenen Jahren reichlich fusioniert wurden, wuchsen parallel die Bedürftigkeiten. Die wiederum spielen sich in einem Setting ab, bei dem ich mich frage: Was ist nur mit der Kirche los? Vieles macht ihr zu schaffen: Die demografische Veränderung unserer Gesellschaft; noch mehr die überall gegenwärtige Ökonomis­ierung als heimliche und unheimliche Leitkultur unserer Gesellschaft. In ihrem Schlepptau die grassierende Frage nach Effektivität: Was bringt es? Was habe ich davon? Was zahlt sich aus? Damit verbunden ein hoher Professionalisierungsdruck. Kirche, sie darf nicht mehr so hausbacken sein.

Es wächst eine Generation nach, die nach dem Motto lebt: „Ich glaub nix, mir fehlt nix.“ Die Kirchen werden leerer, Pfarreien bleiben ohne Pfarrer... Verkündigungsscheu und Überzeugungsschwäche haben sich vielerorts breit gemacht. Und jetzt also die Frage: Sollte ich als katholischer Priester nicht Sinnfluencer sein? Schaue ich auf meinen priesterlichen Weg der vergangenen Jahre, stelle ich fest, dass es Punkte gibt, die mich maßlos aufregen und zugleich motivieren. Mich regt es auf, dass die Kirche – teils natürlich selbstverschuldet – nicht mehr ernst genommen wird als Ansprechpartner in Lebens- und Sinnkrisen, dass sie kein glaubwürdiger Ratgeber und Begleiter mehr ist bei der Suche nach Halt, Sinn und Hoffnung. Das wird Coaches, Supervisoren und Therapeuten anvertraut. Bei uns holt man sich noch den Traum in Weiß oder Albtraum in Schwarz ab. Hochzeiten und Beerdigungen, dafür hat man die Kirchen noch auf dem Schirm. Hinter diesen Sätzen steckt natürlich auch meine ordentliche Portion Frust an den Realitäten. Das gebe ich gerne zu.

Zugleich beginnt hier der trotzige und motivierte Widerstand: Das kann doch nicht sein! So darf das nicht bleiben! In solchen Momenten gilt es, nach dem zu fragen, worauf es denn ankommt, worum es denn geht. Das Wesen des Katholizismus ist Verwandlung. Unter dem machen wir es einfach nicht. Die Menschen, die sonntags zu „Quelle und Höhe­punkt“ der Woche kommen – in der Tat, das ist der offizielle, von der Kirche höchst selbst formulierte Anspruch an die Sonntagsmesse – sollen anders hinausgehen, als sie hineingekommen sind. Was für die Messe gilt, gilt für den christlichen Glauben generell. Er will verwandeln, will meinen Alltag mit erfahrbaren Konsequenzen bedrängen, auf das sich etwas verändere.

Die eindrücklichste biblische Erzählung davon ist für mich die Emmaus-Geschichte. Zwei Jünger sind da unterwegs, denen alles genommen wurde, worauf sie im Leben ihre Hoffnung gesetzt hatten. Zurück bleiben tiefe Trauer, Enttäuschung, Selbstzweifel. Eine echte Sinnkrise hat das Leben den beiden beschert. Schließlich kommt dieser Jesus hinzu, ist mit den beiden unterwegs und kann durch sein Mitgehen und seine Worte neuen Sinn ermöglichen und die Hoffnungslosigkeit verwandeln. Das will ich als Priester auch: Menschen in ihren Krisen und bedrückenden Lebensabschnitten begleiten. Ich will den Menschen etwas anbieten, was in einer Wellness-Gesellschaft, die sich der Leidvermeidung um jeden Preis verschrieben hat, ein echter Sinn-Mehrwert ist: Ein Plädoyer für die Achtung vor dem Schmerz und, dass ein anderer Umgang mit Schmerzen uns freier, glücklicher, heiterer machen kann. Verwundet bin ich – und aufgehoben. Und das ist nur eines von vielen verwandelnden Angeboten, die ich als Priester zu machen habe.

Also ja, ich bin wohl ein Sinnfluencer und muss es von Hause aus sein. Aber ich bin es nicht, weil ich nur so in Instagram, TikTok und Club­house Zeiten bestehen, weil ich nur so auf dem Persönlichkeiten­markt der Followersüchtigen mich behaupten und mir einen Platz erkämpfen kann. Wenn, dann bin ich ein Sinnfluencer aus meiner Verpflichtung der christlichen Botschaft gegenüber, die den Zukurz­gekommenen, Übersehenen und Hoffnungslosen neuen Sinn in ihrem Leben ermöglichen und sie verwandeln will und weil diese Botschaft seit ihren Ursprüngen bis an die Grenzen der Welt drängt, um möglichst alle zu erreichen.



nach oben

         
     
  ZURÜCKBLÄTTERN WEITERBLÄTTERN
  ÜBERSICHT | EDITORIAL | TITELSTORY | INTERVIEW | STATEMENTS | ÜBER DIE AUTOREN
Diese Seite empfehlen Als Druckversion öffnen Als PDF herunterladen