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Sabine Winkler ist Autorin und Redakteurin für die Katholische Rundfunkarbeit am Südwestrund­funk. Sie betreut beim Jugend­sender „Das Ding“ das Format „Kreuz & Quer“. Daneben schreibt und spricht sie ihre eigenen Texte. Seit Herbst 2019 ist sie Beauftragte der Katholischen Kirche bei Funk, dem Online-Medienangebot und Content-Netzwerk der ARD und des ZDF für Jugendliche und junge Erwachsene.

Sabine Winkler hat Katholische Theologie und Medienwissen­schaften in Tübingen studiert und ein journalistisches Hörfunk­volontariat an der Katholischen Journalistenschule ifp absolviert.

 
   

 

 

Sinn- und werteorientierter Content

„Frau Winkler, Sie arbeiten für die Katholische Rundfunkarbeit beim Südwestrundfunk (SWR), sind Kirchliche Beauftragte bei Funk (ARD) und Mitverantwortliche für das Live-Rollenspiel „Pen & Paper“ bei Funk. Letzteres wird von der Fernseh- und Medienproduktionsfirma Rocket Beans Entertainment GmbH produziert, die einen Live-Kanal rund um Gaming und Popkultur betreiben.

Genau, Auftraggeber sind Funk und die Kirchen, und Produzent ist RocketBeans TV.


Im Vordergrund der Videos steht immer eine spannende Geschichte rund um historische Ereignisse und besondere Epochen. Dabei kann der YouTube-Kanal von Funk fast 75.000 Abonnent*innen, die Pen & Paper-Videos mehr als 500.000 Views/Video aufweisen.

Wie kann Kirche erfolgreich mit Influencer*innen, YouTuber*innen oder Blogger*innen kommunizieren und zusammenarbeiten, und wie war das bei den Rocket Beans? Mussten Sie Ihre Inhalte zielgruppengerecht umformulieren oder anpassen?

Als kirchliche Beauftragte für Funk ist mein Ziel, für sinn- und werte­orientierten Content für eine junge und breite Zielgruppe (14-29 Jahre) bei Funk zu sorgen. Also ein niedrigschwelliges Angebot, an das möglichst viele andocken können, nicht nur die Kirchennahen, sondern auch die Kirchenfernen. Also muss ich mir überlegen: Wie muss solch ein Sinn- und Werteangebot aussehen? Noch dazu im Netz, denn Funk ist ja ausschließlich im Netz unterwegs und versteht sich als Content-Netzwerk. Der Austausch mit der Community ist daher auch sehr wichtig. Und eben in einem solchen Austausch mit ein paar Jugend­lichen kam dann die Idee: Ein Pen&Paper-Abenteuer, das moralische Dilemmata behandelt. Also ein Live-Rollenspiel, fernab von jeglichem moralischen Zeigefinger, das aber eher ethische Fragen in einem spielerischen Setting aufwirft, welches auf Handeln ausgelegt ist. Also sind wir damit an Funk und die Rocket Beans herangetreten, die ja auch schon länger Pen&Paper-Abenteuer spielen, und das hat dann überzeugt. Ein wenig Skepsis ist bestimmt da gewesen, wenn auch unausgesprochen, also nach dem Motto „Jetzt will die Kirche uns sagen, was wir sagen sollen“, aber darum ging es uns ja gerade nicht. Das Format lebt geradezu von unterschiedlichen Perspektiven und Live-Interaktionen. Die Zuschauer sollen selbst entscheiden, was sie damit anfangen. Wir stellen ihnen ‚nur‘ das Tablett mit den moralischen Dilemmata hin, in einer unterhaltsamen spielerischen Dosis. Unsere Zusammenarbeit zeichnet sich auch dadurch aus, dass wir mit Funk und den Rocket Beans gemeinsam an den Abenteuern arbeiten. Und das ist was anderes, wie wenn einer sagt: Das will ich, macht mal.


Wurden Sie mit Vorurteilen konfrontiert?

Uns gegenüber sind die Rocket Beans ziemlich offen gewesen. Ich denke, die Idee hat einfach überzeugt und Neugier geweckt. Gegenwind gab es aus Teilen der Rocket Beans Community, also im Netz, als wir unsere Zusammenarbeit publik gemacht haben. Die Zusammenarbeit mit Funk und den Kirchen ist gleichermaßen kritisiert worden. Sowohl Kirchengegner als auch Gegner des öffentlich-rechtlichen Rundfunks (eigentlich der GEZ) haben sich ziemlich ausgelassen.

In einer Rocket Beans Show hat dann aber im Vorfeld der Spielleiter die Community um konstruktive Kritik bzgl. der Abenteuer gebeten, mit der wir auch etwas anfangen können. Er hat sich sehr authentisch geäußert und auch kein Blatt vor den Mund genommen, dass er nicht alles, was die Kirchen tun, für gut heißt, aber eben auch darum gebeten, sich erst einmal darauf einzulassen. Und das hat funktioniert. Am Ende haben wir von den Kritikern Lob erhalten, dass wir gerade nicht mit der Botschaft vorneweg kamen.


Sie sitzen u.a. mit ihrem evangelischen Kollegen Thomas Dörken-Kucharz in der Redaktion für die Funk-Pen&Paper-Abenteuer. Worauf achten Sie bei der Gestaltung? Gibt es einen Leitfaden, dass es z.B. einen kirchlichen Bezug geben muss?

Thomas und ich sind von Anfang an dabei, d.h. unsere Arbeit beginnt schon früh in der Themenfindungsphase. Wir suchen und recherchieren Themen und die diskutieren wir dann in einer Telefonkonferenz mit Funk und den Rocket Beans durch. Dabei ist uns als Kirchen immer wichtig, dass wir am Ende ein Thema haben, bei dem es auch eine tiefsinnigere Ebene gibt, und das ist ja gerade die Besonderheit bei unserem Format. Spaß ist das eine, unsere ethischen Auseinander­setzungen das andere und wenn das geschichtliche Setting stimmt – Jackpot. Sobald wir uns auf ein Thema bzw. Setting geeinigt haben, geht’s richtig los: Was braucht die Story? Was muss noch recherchiert werden? Macht alles Sinn? Wir feilen dann gemeinsam an der inhalt­lichen Dramaturgie. Das Abenteuer soll ja knappe fünf Stunden tragen! Auch überlegen wir uns, wie wir die Zuschauer in den Spielverlauf miteinbinden können und wie wir das nachher auf eine Reflexionsebene bekommen.

Und wenn wir schon in einem historischen Setting spielen, dann schauen wir natürlich auch, wo wir spielen können. Fast alle Abenteuer konnten wir in einem geschichtsträchtigen Ort unterbringen, den uns die Kirchen ermöglicht haben, wie z.B. in der Zionskirche in Berlin („Das Konzert“) oder im Kapitelsaal des Münsteraner Doms („1648 – Krieg und Frieden“). Und so entsteht Stück für Stück ein neues Abenteuer. Das Gesamtprodukt muss am Ende einfach stimmen: Spiel, Spannung, Spaß, gepaart mit einer Prise Nachdenklichkeit und einer guten Publi­kums­interaktion. Alles wird streng geheim vorbereitet, denn unsere Spieler sollen ja nichts davon im Vorfeld wissen.


Bemerken Sie Unterschiede in den Kommentarspalten bei den „Pen&Paper“-Videos im Vergleich zu anderen Videos der Funk-Produktionen?

Das ist so schwer zu sagen, da die Art der Kommentare auch immer stark mit der Machart des Formats zusammenhängt, also ob Satire, Provokation etc. eine Rolle spielen oder nicht. Aber wir merken, dass unsere Pen&Paper-Zuschauer:innen ziemlich aktiv sind und sich während des fünfstündigen Livestreams mit unseren Themen intensiv auseinandersetzen. Manche recherchieren zu bestimmten Aspekten während des Zuschauens und teilen dann ihre Ergebnisse mit der Community. All das lesen und sehen wir im Live-Chat, im Forum der Rocket Beans und auf Twitter während der Show.


Wenn man die Pen&Paper-Abenteuer sieht denkt man nicht zwangsläufig an ein kirchliches Format. Wie würden sie die religiöse Dimension beschreiben? Und wie wird sie von der Zielgruppe aufgenommen?

Unser Format zeichnet sich gerade dadurch aus, dass es keine zentrale und explizit verkündigende Botschaft gibt, wie man sie vielleicht vom „Wort zum Sonntag“ oder aus dem Gottesdienst kennt: Jemand stellt sich hin und verkündet etwas als Impuls, und das war‘s. Gleichwohl werden in unseren Abenteuern sehr wohl christliche Haltungen abgebildet, in Form von auftretenden Charakteren. Wenn beispielsweise „Mutter Munser“, eine ältere Frau in „Wo ist Waldemar“ sich allein aus Nächstenliebe um die verwaisten Kinder kümmert.

Uns geht es mit dem Format mehr um Auseinandersetzungen: Über die Story fordern auftretende Charaktere und Ereignisse die Spieler:innen und Zuschauer:innen heraus, sich irgendwie geartet zu verhalten oder zu handeln. Wir setzen also eher auf Handlungen, eine Beschäftigung mit den Abenteuer-Themen. Und wir setzen auch auf einen Dialog, indem wir mit der Community in Austausch treten. Das wird auch dankbar angenommen. Dazu haben wir zahlreiche Rückmeldungen in den Kommentaren unter den Videos. Außerdem streamt auch noch Hanno Rother, der „Kirchendude“ und katholischer Pfarrer, der für uns Kirchen am Spieltisch sitzt, im Anschluss an die Abenteuer selbst noch einmal auf Twitch und reflektiert, was da so passiert ist. Dabei kann die Community ihm auch Fragen stellen, und auf sie geht er dann ein. In jedem Fall ist das eine eher unkonventionelle Art und Weise für ein kirchliches Format.


Muss sich Kirche in Zeiten von Digitalisierung und Social-Media von gewissen Dingen oder Botschaften frei machen, um gehört zu werden?

Die Frage müsste eher lauten: Was muss die Kirche tun, wenn sie im Netz gehört werden will? Und da gehört für mich dazu, dass man sich der Besonderheit des Netzes im Klaren ist und entsprechend den Dialog im Netz sucht. Im Netz kann jede:r senden. Es kann daher nicht darum gehen, klassische Unternehmenskommunikation zu betreiben und damit fertige Statements abzuliefern. Im Gegenteil, im Netz ist man erfolg­reich, wenn man die Nutzer in den Blick nimmt und mit ihnen auf Augen­höhe kommuniziert, sie und ihre Bedürfnisse wahrnimmt, darauf eingeht. Und das Angebot der Kirche, die Botschaften, die sie ver­mittelt, sind im Netz auch nur ein Angebot neben vielen anderen. Dessen muss sich die Kirche bewusst sein.


Sehen Sie auch etablierte Stärken der Kirche, die sie z.B. auf Social-Media-Kanälen wie YouTube überlebensfähig(er) oder stressresistenter machen?

Kirche hat ja ihre Stärken, wenn sie z.B. eine Sprache für das Unaus­sprechliche findet, in Ritualen oder Worten und ganz besonders zu Wendepunkten des Lebens wie Tod oder Geburt. Aus meiner Erfahrung sind die Leute auf der Suche nach entsprechenden sinnstiftenden Elementen an Knotenpunkten des Lebens. Und das vor allem im Netz. Dazu tauschen sie sich aus. Solche sinnstiftenden Angebote der Kirche können meiner Meinung nach sehr gut überleben, weil sie den Men­schen in seinem Menschsein betreffen und ihm etwas bieten können. Bei unserem Pen&Paper-Abenteuer sind das eben die ethischen Fragen, die wir aufwerfen. Also wenn etwa in „Luna“ die grundsätzliche Frage aufgerissen wird: Mensch oder Regime? Regimetreu handeln und damit ein Menschenleben riskieren oder lieber doch den (einzelnen) Menschen retten, weil der Mensch vielleicht am Ende eben doch mehr zählt? Ich würde solche Angebote daher auch gerne mehr dort verortet wissen, wo Menschen häufig unterwegs sind und natürlich in ihrer Sprache.


Wie geht Kirche mit Hasskommentaren u.a. bei YouTube um? Gibt es konkrete Schulungen, was gelöscht oder kommentiert werden sollte?

Also bei unseren Pen&Paper-Abenteuern gibt es im Live-Chat ganz klar eine Netiquette, und wir schreiten dann auch ein, wenn etwas zu anstößig, beleidigend etc. wird. Inzwischen haben wir da auch eine starke Community, die da mitmacht und die Störenfriede selbstständig maßregelt. Da kann ich aber nur für uns sprechen. Jede Redaktion ist da selbstständig unterwegs.


Haben Sie persönlich Lieblingskanäle auf YouTube, die Themen wie Religiosität, Glauben oder Kirche thematisieren? Wenn ja, was machen diese richtig?

Da muss ich Sie leider enttäuschen: Einen direkten Lieblingskanal habe ich nicht. Aber es gibt einige interessante Sachen, bei denen ich wirklich gespannt bin, wie sie sich weiterentwickeln. Das sind vor allem Formate, in denen Kirche jünger und von der Zielgruppe her gedacht wird. Dazu gehört beispielsweise unser „Kirchendude“ (der allerdings auf Twitch unterwegs ist) und oder das neue Jugend-Content-Netzwerk der Evangelischen Kirche YEET. Was sie richtig machen, kann ich noch nicht sagen, aber ich werde sie beobachten.


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