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Jens Krüger ist Autor, Zeichner, Performance-Künstler und Songwriter. Mit seinen deutschen Texten über Natrium-Chlorid, Familien in Funktionsjacken, Ayn Rand und Adam Sandler schafft er ein humorvoll melancholisches Wohlfühlkabinett, mit dem er mit viel Pomp und Tingeling durch Deutschland tourt.

www.jens-eike-krueger.de

 
   
 

 

 

 

„Sie stehen als Künstler und Musiker auf der Bühne. Welche Strategien und Taktiken wenden Sie an, wenn Ihnen das Publikum langsam entgleitet oder eine Pointe nicht funktioniert? Und wie begeistern Sie als Einzelner viele Menschen?“

Gestern wurde ich in einer Jazz-Bar in Köln mit einem fundamen­talen Life-Hack konfrontiert: „Kennst du dieses Gefühl, wenn man eine Story erzählt und währenddessen merkt, dass die eigentlich überhaupt nicht spannend ist und nirgendwo hinführt?“ fragte mich die Bekannte. „Eh – ja klar.“ „Man muss dann einfach ‚Und dann habe ich 50 Euro gefunden!' einschieben. Das klappt immer!“

Ich habe diese Strategie seit gestern noch nicht ausprobieren können, kann mir jedoch vorstellen, dass es sich dabei um eine mächtige Not-Pointe handelt. Sie kommt aus dem nichts, bringt eine rasche Wendung der Geschehnisse und bedient ebenfalls Siegmunds Freuds Idee von Komik, die durch das Durchbrechen einer Erwartungshaltung hervor­gerufen wird. Ist die Frage damit beantwortet? Vermutlich nicht.

Denn ich befürchte, dass sich die Sache etwas komplizierter verhält, wenn man auf der Bühne steht und einem das Publikum langsam entgleitet. Das Szenario ist ein Klassiker, quasi eine Urangst: Man hat sich etwas überlegt, geprobt, geplant und was auch immer. Man zau­bert das Kaninchen hervor und dann: leere Gesichter. Ein Husten aus der letzten Reihe. Ein kurzer Lacher, der klingt wie Schluck­auf und dann Stille, gepaart mit 120 Augenpaaren, die so uneindeutig flackern wie die LED einer FritzBox. Für diese Situation gilt es hier prak­tische Problem­lösungen anzubieten – was also tun?

An dieser Stelle könnte man nun anführen, dass das zentrale Element hier in der Prävention dieser Situationen liegt. Zum Beispiel durch gute Vorbereitung. Aber zu einem sind Ratschläge in diese Richtung etwa so hilfreich wie das obligatorische „Wo-hast-du-sie-denn-zuletzt-gehabt?“, das man entgegengepfeffert bekommt, wenn man wie ein Rackelhahn durch die WG läuft und die Haustürschlüssel sucht. Zum anderen gibt es für Live-Performances auch einfach keine realistische Teststrecke.
Es bleibt nur die Praxis. Bam – auf die Bühne! Trial and Error. Und
den Error haben wir im gedanklichen Szenario nun.

Aber warum ist das Kind in den Brunnen gefallen? Die Suche nach Lösungen ist hier eng mit der Suche nach dem eigentlichen Ursprung der Sache verbunden. In der Regel lassen sich Pointen durch über­raschende Wendungen (wie oben bei Freud) oder die Ähnlichkeit vom Gesagten zur Realität („Kennen Sie das?“) generieren. Damit das funktioniert, müssen allerdings zwei zentrale Bedingungen erfüllt sein. Zum einen braucht das Publikum die Zeit, die Pointe kognitiv zu ver­arbeiten und kollektiv in einen Endorphin-Ausstoß umzusetzen. Zum anderen darf die komische Wirkung in der Regel nicht von der Per­formerin oder dem Performer vorweggenommen werden.

Als Faustregel gilt: umso größer die Fallhöhe zwischen der Art der Erzählung und dem Inhalt, desto größer die komische Wirkung. Und die muss beim Publikum selbst stattfinden und kann nicht vorgekaut ab­geliefert werden. Das ist nicht wie bei Pinguinen, die die Jungen mit vorverdautem Fischbrei füttern. Das Performte muss den Anschein haben, gerade erst im Moment erdacht worden zu sein. Das treibt die Künstlerin oder den Künstler natürlich in eine logische Zwickmühle, weil sie den Inhalt ja bereits genau kennen und ebenso die vermeintliche Pointe.

An dieser Stelle sei gesagt, dass grundsätzlich alles, was man für eine Pointe halten könnte, auch eine Pointe sein kann. Ob der Witz oder
die Witzin am Ende sachlich korrekt komisch ist, wirkt sich nur zu
2,45 Prozent auf die Performance aus. Die Souveränität des Performers oder der Performerin ist für das Gelingen das zentrale Element. Jim Carrey erklärt in einem Interview zu seiner Stand-Up-Karriere, dass er eines Tages den Schlüssel zu einem gelungenen Comedy-Programm entdeckt hätte: „Die Leute wollen sich sicher fühlen. Sie wollen wissen, dass jemand vorne steht, der das Geschehen zu 100 Prozent unter Kontrolle hat.“ Dass man sich seiner Sache sicher seien sollte, ist natürlich ein mittelguter Ratschlag, vor allem wenn es gerade schon nicht so läuft mit dem kurzen Techtelmechtel zwischen dem Publikum und einem selbst.

Also hier einige Handlungsvorschläge. Zuerst: Ruhe bewahren! Wichtig ist das Wissen um die Differenz zwischen der wahrgenommenen Zeit auf und vor der Bühne. Prozesse, die sich als Künstler/in unendlich lang anfühlen mögen, können zuweilen nur ein Wimpernschlag in der Wahr­nehmung des Publikums sein. Sich zehn Minuten etwas Mittelinteres­santes anzusehen ist ja keine ungewöhnliche Erfahrung. Eigentlich füllen wir unser ganzes Leben damit, mittelspannende Dinge zu be­trachten – in der Schule, im Studium, auf der Arbeit, bei YouTube... Wenn man zum kurzen Statist oder zur Statistin in diesem Reigen der Bedeutungslosigkeit wird, ist das noch sicher kein Beinbruch. Zudem können Brüche und Leerzeiten zwischen dem sonstigen Pointen­feuerwerk ja postum auch gerne als Spiel mit der Publikumsdynamik verkauft werden.

Um eigene Sicherheit herzustellen, ist es zudem gut, einige Fixpunkte an Material zu haben, auf das man sich verlassen kann. Vielleicht hat sich der eigene Song über die doofen Strickjacken des mittelhumor­vollen Schwippschwagers ja schon zum Gassenhauer auf allen Familien­festen entwickelt. Diese Euphorie lässt sich im Material speichern und dann auf der Bühne abrufen und – Tadaa – da haben wir sie wieder, die Sicherheit! Dieses Mal gespeichert im Euphorieanker des Strickjacken­schwippschwagersongs.

Wichtig ist ebenfalls zu wissen, dass es nicht immer an einem selber liegt. Neulich habe ich ein einstündiges Konzert in einer Kneipe gespielt, in der die meisten der zwölf Gäste nichts von einem Konzert wussten und eigentlich nur klönen wollten. Ein gestandener Comedian erzählte mir neulich, er hätte auf einer Show performt, wo die Leute in der ersten Reihe ihre Sprachnachrichten abgehört hätten. Auf Lautsprecher. Es gibt Spiele, die kann man nicht gewinnen.

Wenn ich persönlich merke, dass das, was ich mir ausgedacht habe oder spontan hinzudichten zu versuche, nicht funktioniert, gibt es in der Regel einen der mich rettet: Der Transparente Jens (oder für andere Tranzparenz Woman oder Man). Er ist quasi mein Superheld und Bühnenalterego. Meistens stampfe ich dann einmal auf den Boden – und er übernimmt. Ich habe mir eine Figur, einen Gag oder eine Anek­dote überlegt, die überhaupt nicht funktioniert? Dann tritt der Trans­parente Jens ans Mikrofon und charmiert alle Ungereimtheiten beiseite, in dem er seine Gefühle, seine Enttäuschung oder seine Euphorie transparent macht. Dabei handelt es sich um die Figur, die mit mir als Privatperson die höchste Deckungsgleichheit besitzt. Man könnte also hier auch verkürzt sagen: „Versuche einfach du selbst zu sein, wenn du merkst, dass du als wer anders nicht funktionierst!“ – Oh Gott, jetzt wird es cheesy... Vergessen Sie das ganz schnell wieder!

Wem das alles zu abstrakt und zu gefühlsduselig ist, den kann ich unbedingt den deeskalativen Purzelbaum empfehlen. Dabei handelt es sich um eine Praxis aus dem Erziehungswesen: Zwei Parteien streiten sich so, dass eine Eskalation kurz bevorsteht. Da stellt sich die Autoritätsperson daneben und macht einen Purzelbaum. Das Aggres­sionspotential der beiden Parteien löst sich dann in der Regel in einem diffusen Nebel der Verwunderung über das absurde Erscheinen des deplatzierten Purzelbaums aus. Mittlerweile beginne ich viele Shows, in dem ich ankündige, einen deeskalativen Purzelbaum durchzuführen, falls etwas nicht klappen sollte. Etwas misslingt und schon schreit jemand „Purzelbaum!“. Und den mache ich dann auch. Die Befriedigung des Publikums ist wiederhergestellt. Und neulich – da habe ich dabei sogar 50 Euro gefunden.





nach obeN

     
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