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Text: Joachim Frank

 

Joachim Frank, geboren 1965 in Ulm, gehört seit 1997 der heutigen Mediengruppe DuMont an. Er ist Chefkorrespondent für die DuMont-Abotitel (Kölner Stadt-Anzeiger, Berliner Zeitung, Mitteldeutsche Zeitung Halle) sowie Autor der „Frankfurter Rundschau“. Regelmäßig ist er als Gastkommentator und Experte für kirchliche und kirchenpolitische Themen in Hörfunk und Fernsehen vertreten. Seit 2015 ist Frank Vorsitzender der „Gesellschaft Katholischer Publizisten“ (GKP), des katholischen Journalistenverbands.

Frank ist Verfasser mehrerer Bücher zu kirchenpolitischen Themen und Autor zahlreicher Aufsätze für Sammelbände und Fachzeitschriften. Im Nebenamt doziert er an der TU Dortmund und am Institut zur Förderung publizistischen Nachwuchses (ifp) München. Er gehört den Auswahlgremien der „Konrad-Adenauer-Stiftung“ sowie des „Cusanuswerks/Bischöfliche Studienförderung“ an und sitzt in verschiedenen Jurys, unter anderem für den Hessischen Integrationspreis und den Deutschen Schülerzeitungspreis.

2014 wurde er mit dem Wächterpreis ausgezeichnet und für den Henri-Nannen-Preis (Investigatives) vornominiert. Im selben Jahr erhielt Frank den Deutschen Lokaljournalistenpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung, 2012 den 1. Preis im Wettbewerb um den „DuMont Journalistenpreis“.

 
   
 

 

 

 

„Herr Frank, worauf basiert Ihrer Meinung nach das größte Verständnisproblem zwischen Kirche und journalistischer Öffentlichkeit und wie äußert sich dieses? Können Sie Beispiele zu Kommunikationsproblemen zwischen Kirche und Medien nennen, die Sie selbst erfahren haben?“

Eine lehrende Kirche muss zunächst eine lernende Kirche sein. Diese Einsicht hat der Neutestamentler Thomas Söding im Festakt zum 80. Geburtstag von Kardinal Karl Lehmann formuliert. Lernen. Aber von wem? Am besten von einem Meister, der etwas zu sagen hat, was der Lehrling noch nicht weiß oder noch nicht kann. Die Kirche als lernendes System hat immer dann am meisten profitiert, wenn sie das ihr Unbekannte aufgegriffen und daraus erkannt hat, woran es ihr fehlt. Das Kirchenbild einer „societas perfecta“ stand dieser Haltung erkennbar im Weg. Das Paradigma des „pilgernden Volkes Gottes“ hingegen ist offen für Ergänzung und Bereicherung. Södings Bochumer Kollege, der Pastoraltheologe Matthias Sellmann, spricht gern vom Gewinn durch „Fremdprophetie“: sich von außen sagen lassen, was einem mangelt; schauen, was die anderen gut oder gar besser machen.

In der Vergangenheit haben Theologie und Seelsorge das Know-how verschiedenster Disziplinen integriert, etwa der Psychologie und Soziologie. Unter dem Eindruck struktureller Krisen kamen Betriebswirtschaft, Organisationsmanagement und Marketing dazu. Nicht immer waren und sind diese Lernversuche frei von skurriler Beflissenheit und Übereifer. Das gilt besonders dann, wenn die Fremdpropheten fälschlich zu Heilsbringern werden. Neuerdings ist ein Themenfeld in den Blick gekommen, auf dem kirchliche Akteure zuvor allenfalls oberflächlichen Beratungsbedarf gesehen oder sich gar beratungsresistent gezeigt haben, weil sie dieses Feld gewissermaßen als ihr ureigenes Territorium mit einer ihnen eigenen „Kompetenz-Kompetenz“ (Michael Ebertz) beansprucht haben: die Kommunikation.

Die Kirche, heißt es nicht zu Unrecht, ist das älteste Kommunikationsunternehmen der Welt. Ja, sie ist selbst ihrem Wesen nach Kommunikation. Sie soll dem „Wort, das Fleisch geworden ist“, in Raum und Zeit Stimme geben. Misslingt ihr das, ist das also kein bloßer Betriebsunfall, sondern Systemversagen. Deshalb sind die Warnungen vor einem kirchlichen Sprachverlust, vor einem aneinander vorbei oder über die anderen hinweg Reden so alarmierend. Das „Kirchisch“ ist ein Dialekt, der zwar immer sogleich  erkannt, aber immer weniger verstanden wird. Zum Beweis genügt es, sich eine Woche lang im öffentlich-rechtlichen Rundfunk durch die Morgenandachten zu hören. Sie fallen im Programmfluss weniger durch die Inhalte auf (beziehungsweise ab) als durch die Art, wie sie formuliert und vorgetragen werden.

Auf die Misere der kirchlichen Verkündigung, selbst ein Wort aus dem „kirchischen“ Repertoire, hat der Kommunikationsberater Erik Flügge mit seinem Buch „Der Jargon der Betroffenheit“ reagiert. Es handelt davon, „wie die Kirche an ihrer Sprache verreckt“ (Untertitel), und will erreichen, dass „das Christentum nicht mehr im Sprechen seine Chance auf Verkündigung  verspielt“ (Vorwort). Flügge ist damit ein Fremdprophet im besten Sinne des Wortes.

Mit ein paar Rhetorik-Kursen ist es gewiss nicht getan, obwohl diese wenigstens die gröbsten handwerklichen Scharten kirchlicher Rede auswetzen könnten, über die Flügge sich zu Recht wahlweise amüsiert und echauffiert: die falschen Betonungen, den ungelenken Satzbau, die gestelzte Wortwahl und vieles mehr. Flügge empfiehlt den Seelsorgern vielmehr, sie sollten zu den Menschen so von Gott reden, wie sie es „bei einem Bier“ am Tresen täten. Als Versuchsanordnung mag das hilfreich sein. Doch Flügges Rat enthält einen doppelten Kategorienfehler: Die Kirche ist keine Kneipe, und von Gott redet es sich nicht wie von König Fußball. Schon deshalb nicht, weil es für die kirchliche Rede von Gott eine Referenz gibt, an der so leicht kein Weg vorbeigeht: die Bibel, das Wort Jesu Christi. Macht es „wie der Chef!“, ruft Flügge den Kirchenleuten zu: Redet bildmächtig und lebendig mit den Leuten! Selbst wenn sie sich das gesagt sein lassen und so reden möchten, „wie der Chef geredet hat“, brauchen sie den Bezug auf das, „was der Chef geredet hat“. Flügge macht sich einerseits lustig über das gut gemeinte Bemühen von Pfarrern und Kaplänen um ein modernes Sprachspiel. Andererseits zeigt er sich genervt von altbackenen Metaphern und Sprachbildern. Als Beispiel führt er die Rede vom „Sauerteig“ an. Er habe noch nie selbst gebacken, sondern kaufe sein Brot beim Bäcker. Folglich sei ihm fremd, was mit dem Bildwort vom Sauerteig gesagt sein soll. Damit markiert Flügge präzise das Dilemma christlicher Predigt: Ohne den Rückgriff auf ihre „Basisurkunde“ hätte sie nichts Eigenes mehr zu sagen. Für die Kirche als Markenartikler muss Unverwechselbarkeit geradezu ein notwendiger Anspruch sein. Doch wenn sie ihren Markenkern in einer Sprachform offeriert, die als zeitgemäß, zugewandt und (geistes-)gegenwärtig wahrgenommen werden soll, wirkt das allzu oft unbeholfen, anbiedernd, ja peinlich. Und zwar, im ursprünglichen Sinn des Wortes „Pein“: so schmerzhaft wie schmerzlich für alle, denen (wie Flügge) an der Kirche liegt.

Was also tun? In Flügges Buch findet sich der Schlüsselbegriff, der – wie fast immer in solchen Fällen – nicht neu ist. Vermutlich lässt das Wort „authentisch“ so manchen kirchlichen Akteur, enerviert von siebengescheiten Experten und ihren Powerpoint-Präsentationen, aufstöhnen: „Authentisch“ – ach nein, bitte nicht schon wieder! Einem totgerittenen Pferd die Sporen geben – wie soll uns das voranbringen? Die Aversion wäre verständlich. Aber sie erstreckt sich bekanntlich auch für „Soziologengewäsch“, „Psychokacke“ und „McKinsey-Gefloskel“, und sie verhindert damit das Lernen vom Fremden.

Was „Authentizität“ in der Sprache zuallererst bedeutet: Nicht antrainierte Technik ist gefragt, sondern erfahrenes Leben. Die konstruierten Geschichten und Anekdoten, die Flucht in die  theologischen Formeln machen nur offenbar, dass einer nicht weiß, wovon er redet; nicht darüber reden kann, was er glaubt; oder nicht glaubt, was er redet. Dagegen steht, was Dietrich Bonhoeffer vor mehr als 70 Jahren unnachahmlich und unübertrefflich formuliert hat. Seine „Gedanken zum Tauftag“ müssten auf Kirchen-Computern vorinstalliert sein. Nur verlangt ihre Anwendung den Nutzern mehr ab als die Aktivierung der Rechtschreib-Kontrolle im Textverarbeitungsprogramm.

„Wir sind wieder ganz auf die Anfänge des Verstehens zurückgeworfen. Was Versöhnung und Erlösung, was Wiedergeburt und Heiliger Geist, was Feindesliebe, Kreuz und Auferstehung, was Leben in Christus und Nachfolge Christi heißt, das alles ist so schwer und so fern, dass wir es kaum mehr wagen, davon zu sprechen. In den überlieferten Worten und Handlungen ahnen wir etwas ganz Neues und Umwälzendes, ohne es noch fassen und aussprechen zu können. Das ist unsere eigene Schuld. Unsere Kirche, die in diesen Jahren nur um ihre Selbsterhaltung gekämpft hat, als wäre sie ein Selbstzweck, ist unfähig, Träger des versöhnenden und erlösenden Wortes für die Menschen und für die Welt zu sein. Darum müssen die früheren Worte kraftlos werden und verstummen, und unser Christsein wird heute nur in zweierlei bestehen: im Beten und im Tun des Gerechten unter den Menschen. Alles Denken, Reden und Organisieren in den Dingen des Christentums muss neugeboren werden aus diesem Beten und aus diesem Tun... Der Tag wird kommen, an dem wieder Menschen berufen werden, das Wort Gottes so auszusprechen, dass sich die Welt darunter verändert und erneuert... Bis dahin wird die Sache der Christen eine stille und verborgene sein; aber es wird Menschen geben, die beten und das Gerechte tun und auf Gottes Zeit warten.“



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