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Text: Paul Michael Zulehner  

Paul Michael Zulehner, geboren 1939 in Wien, hat Philosophie, katholische Theologie und Religionssoziologie in Innsbruck, Wien, Konstanz und München studiert. 1964 wurde er zum Priester geweiht und arbeitete danach als Kaplan und als Wissenschaftler. 1973 ging er an die Universität Bamberg, von 1974 bis 1984 war er Universitätsprofessor in Passau, danach an der Universität Wien. Sein Spezialgebiet ist die Religions- und Werteforschung, worin er zahlreiche Projekte und Studien im In- und Ausland durchführte. Paul M. Zulehner wurde mit den Kunschak-, Renner-, Innitzerpreisen ausgezeichnet. Neben seinem engeren Fachgebiet hat er u. a. zum Thema Jugendwerte, Männerforschung, zur Sinnfrage in der Gesellschaft und zur Kirchensteuer publiziert. Von 2000 bis 2007 war er Dekan der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien. Zulehner ist seit Oktober 2008 emeritiert, aber weiterhin in der Wissenschaft aktiv tätig.

 
   

 

 

 

Kirchenaustritt: Endlich entscheiden sich die Leute.

Religion ist heute längst nicht mehr Schicksal. Auch nicht die Kirchenzugehörigkeit. Man kann, noch mehr, man muss diese wählen. Peter L. Berger, weltbekannter Religionssoziologe, nennt das den Zwang zur „Häresie“ (Berger, 1980, 2010). Man kann alles wählen, nur nicht ob man wählen will. Also auch was man glaubt und ob man sich einer religiösen Gemeinschaft anschließt und wie sehr man sich beteiligt. Die Nebenwirkung dieser erweiterten religiösen Freiheitsgrade: Die Menschen sind grundsätzlich religiös mobiler geworden. Konversionen in jede Richtung werden wahrscheinlicher. Man kann über den Tod hinaus hoffen, auf Reinkarnation setzen, oder an die Auferstehung glauben. Man kann Gott her- oder wegglauben. Es geht zudem fragmentiert. Atheisten arbeiten in kirchlichen Projekten oder schreiben wie Alfred Grosser in einer katholischen Wochenzeitschrift – Grosser bei La Croix. Die weltanschauliche Landschaft ist dadurch, nach Jahrhunderten der erzwungenen Monokolorität, verbuntet (Zulehner, 2010). Aus dem nachreformatorischen Sportrasen ist eine weltanschauliche Blumenwiese geworden.

Nicht wenige Kirchenmitglieder machen von ihrer weltanschaulichen Wahlfreiheit Gebrauch. Nach meiner neuen Studie in Österreich 2010 hat jedes dritte Mitglied der katholischen und auch der evangelischen Kirche schon darüber nachgedacht, ob es austreten will. Von diesen Nachdenkenden haben sich ein kleiner Teil entschieden, auch wirklich zu gehen, ein anderer Teil hat sich zum Gegenteil entschieden: Statt auszuwandern sind diese Mitglieder weiter „eingewandert“. Und nahezu die Hälfte (44% der Katholiken, aber 62% der Protestanten) stehen im „Austrittsstandby“. Sie wissen noch nicht, wohin sie ihr Nachdenken führen wird.

Kirchen werden sich über die „Einwanderer“ freuen. Den Austretenden sollten sie Respekt zollen. Für die vielen im Standby lohnt sich – um der Menschen wie um der Kirche willen – die Entwicklung einer angemessenen Kommunikation. Eine Art Redefinition der unternehmerischen „mission“ der Kirche also.

Solche werbende Kommunikation kann sehr erfolgreich nonverbal passieren. Da machen Kirchen Projekte, soziale, spirituelle. Es gibt Events. Hier kann die Botschaft heißen: Es wäre toll für unser Projekt, könnten wir Sie zur Mitarbeit gewinnen! Wir brauchen Ihre Begabungen. Oder: Gönnen Sie sich doch einmal eine spirituelle Reise. Im spirituellen Geschäft sind wir christliche Kirchen in der Zwischenzeit kompetente Marktführer geworden. Belonging before believing, das könnte ablaufen.

Lange meinten die Forscher und auch die Kirchenreformer, die Leute würden sich gegen eine Mitgliedschaft entscheiden, weil sie vieles stört. Und da es keine Kirche gibt, die nicht unweigerlich Störungen für einen Teil der Mitglieder produziert, wird es immer ausreichend „Irritationen“ geben. Protestanten treten aus, wenn ein Vertreter der Diakonie für Asylanten oder Muslime sich stark macht. Katholiken haben ein breites Arsenal von Irritationen, die in Reformbegehren gut katalogisiert und medial breit gestreut wurden: sexualneurotisch, frauenfeindlich, undemokratisch, vormodern, also megaout, so Jugendliche in Umfragen.

Inzwischen wissen wir, dass solche Irritationen zwar eine wichtige Rolle spielen, aber nicht als Ursache, sondern als Begünstiger; Brandbeschleuniger gleichsam. An meiner Person illustriert: Ich bin wohl als Kircheninsider mehr irritiert über vieles hinter den Kirchenkulissen als jene, die ausgetreten sind. Und doch bleibe ich. Der Grund: Ich habe ausreichend Bindungskräfte, Gratifikationen also. Als viele aus der ersten Jesus-Bewegung austragen – wovon ausgerechnet der Evangelist Johannes (6,64-67) berichtet, nannte Petrus die Urgratifikation: Du hast Worte des ewigen Lebens.

Das wäre einzubringen in einer freiheitliche Kommunikation mit Mitgliedern im Austrittsstandby und darüber hinaus mit jenen, welche die Kirche für die Jesus-Bewegung gewinnen will: Gratifikationen. Ich habe, gestützt auf meine Erhebungen, einmal für ein Forschungsprojekt Plakate mit Gratifikationen zusammengestellt (www.zulehner.org – Pilotprojekt Kirchenwerbung), um meine These zu illustrieren und mit Fachleuten zu diskutieren. Das sind Kostprobenökumenisch angelegten Kirchen-Werbung mit Gratifikationen:

  1. modern: pilgern. mit uns können sie gehen. ihre christlichen kirchen.
  2. menschennah. ihre christlichen kirchen.
  3. nah. am Nächsten. ihre christlichen kirchen.
  4. auch sie sind ein skeptiker? dann sind sie bei uns goldrichtig. ihre christlichen kirchen.
  5. später alzheimer. niedriger blutdruck. nebenwirkungen des ehrenamts. wir haben für sie sinnvolle aufgaben. ihre christlichen kirchen.
  6. sind sie auch spirituell? bei uns können auch sie meisterin werden. ihre christlichen kirchen.
  7. kinder brauchen vorbilder. wir haben sie. ihre christlichen kirchen.
  8. ohne uns wäre das land sozial kühler. ihre christlichen kirchen.
  9. „… die leise musik gottes wieder hören“ benedikt xvi. wir eröffnen räume der stille ihre christlichen kirchen
  10. mit uns können sie feiern. die geburt ihres kindes. ihre hochzeit. und stirbt jemand, nehmen wir abschied  mit ihnen. ihre christlichen kirchen.
  11. hat nicht jedes kind einen schutzengel? wir meinen schon. ihre christlichen kirchen.

Auf die Frage an Ausgetretene, in was für eine Kirche sie wieder eintreten könnten (ein Drittel der Ausgetretenen ließe sich dafür gewinnen!), sagten die Leute: glaubwürdig muss die Kirche sein, sozial engagiert, spirituell erfahren; und man kann ihr wieder Kinder anvertrauen. Das sind Kernmerkmale der Jesus-Bewegung, und daher Primärkompetenzen einer kommunikativen Kirche. Und diese binden mehr als schlechte Erfahrungen mit Pfarrern, der Ärger über die Nichtzulassungen von Frauen zu Ämtern, der augustinisch verdorbene Sexualistil und autoritäre Kommunikationsstile trennen. Klug wäre freilich, die Bindungskräfte zu stärken und die Trennungskräfte zu mindern.

Lit.:

Berger, Peter L.: Der Zwang zur Häresie. Religion in der pluralistischen Gesellschaft, Frankfurt a. M 1980.

Berger, Peter L./Zijderveld, Anton: In praise of doubt. How to have convictions without becoming a fanatic, New York 2010.

Zulehner, Paul M.: Verbuntung. Kirchen im weltanschaulichen Pluralismus. Religion im Leben der Menschen 1970-2010, Ostfildern 2011.

Zulehner Paul M.: Seht her, nun mache ich etwas Neues (Jes 43,19). Wohin sich die Kirchen wandeln müssen, Ostfildern 2011.

Zulehner, Paul M.: Kirchenvisionen. Orientierung in Zeiten des Kirchenumbaus, Ostfildern 2012.

Zulehner, Paul M.: Aufruf zum Ungehorsam. Taten, nicht Worte reformieren die Kirche, Ostfildern 2012

 

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