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Text: Stefan Bonath  

Dr. Stefan Bonath, Jahrgang 1968, Theologe und Soziologe, Studium in Freiburg, Mainz und Maynooth/Irland ist Pastoralreferent und seit 2008 Leiter der Stabstelle Pastorale Entwicklung und Projekte im Erzbischöflichen Seelsorgeamt Freiburg. In dieser Funktion ist er diözesaner Beauftragter für den Bereich Kirchenaus- und Wiedereintritt, seit 2010 ist Stefan Bonath zudem Geschäftsführer für den Dialog-Prozess (www.zeit-fuer-dialog.de) in der Erzdiözese Freiburg.


 
   

 

 

 

„Wie kann und wie sollte Kirchliche Kommunikation Kirchenaustrittswahrscheinlichkeit thematisieren? Was kann sie beitragen, Kirchenaustritte zu verhindern?“

Ich bin der Meinung, Kirche sollte sich im Bezug auf Kirchenaustritte dringend von einigen bisher prägenden Bildern verabschieden. Erst dann gelingt es mit klarer Sicht an das Thema heranzugehen.

Abschied 1: „Wer austritt, stand vorher schon am Rand der Kirche.“

In dieser Vorstellung ist der typische Kirchenaustrittskandidat nach wie vor jünger als 40, männlich, hat ein höheres Einkommen, verfügt über eine höhere Bildung und macht durch den formalen Schritt beim Standesamt nur das sichtbar, was sowieso Realität ist – seine Kirchendistanz. Bereits seit 2005 tauchen aber auch über 45jährige, verstärkt auch Frauen sowie Menschen aus Altersgruppen, die bisher kaum eine Rolle gespielt haben (65 plus, unter 24 Jahren sowie Kinder), vermehrt in den Tabellen auf. Es hat sich etwas Signifikantes verändert und das nicht erst seit dem vielbeschworenen Krisenjahr 2010. Man kann sagen, der Kirchenaustritt ist inzwischen in der ganzen Breite der Kirche angekommen.

Abschied 2: „Für den Rückgang der Kirchenmitgliedszahlen spielen Kirchenaustritte keine Rolle, weil dies im Wesentlichen nur durch den demographischen Wandel bedingt ist.“

Tatsache ist, die Anzahl der Taufen geht seit zwei Jahrzehnten massiv zurück und kann schon längere Zeit die Anzahl der verstorbenen Mitglieder nicht mehr aufwiegen. Jedoch erklärt dies nur zu einem Teil den Schwund an Mitgliedern, der zwischenzeitlich alleine in der Erzdiözese Freiburg zu einem jährlichen fünfstelligen Minus in der Gesamtbilanz führt. Bei der Veröffentlichung der kirchlichen Statistik für das Jahr 2011, die Ende Juni 2012 erfolgt ist, wurde unter der Überschrift „wieder deutlich mehr Taufen als Austritte“ der Eindruck vermittelt, damit sei auch der Anstieg der Kirchendistanzierung in gewisser Weise gestoppt. Das mag zwar kommunikationstaktisch zunächst nachvollziehbar sein, denn einige Medien haben die Meldung tatsächlich in dieser Weise übernommen. Für diejenigen aber, die etwas genauer hinsehen, entsteht der Eindruck, dass hier Dinge schöngeredet werden. Denn die Austritte sind nicht erst seit gestern im Steigen begriffen, Erwachsenentaufen stellen eine verschwindende Minderheit (zwischen 1,5-2,5% jährlich) dar, die Übertritte aus anderen Kirchen stagnieren und die Zahl der Wiedereintritte ist nach einem kurzen Anstieg zwischen 2000 und 2006 erneut auf das niedrige Niveau der frühen 1990er Jahre zurückgefallen.
Zum Rückgang der Kirchenmitglieder im Erzbistum Freiburg trägt beispielsweise im Jahr 2011 der ‚Entscheidungsfaktor‘ (mehr Austritte als Wiedereintritte und Übertritte von anderen Kirchen) mit einem Minus von 10.659 deutlich stärker bei, als der demographische Faktor mit einem Minus von 6.552 (weniger Taufen als Beerdigungen). Kirchenaustritte als irrelevant zu kennzeichnen, nimmt weder die Situation noch die Personen ernst, sondern verstärkt lediglich den Eindruck eines kirchenoffiziellen Desinteresses.

Abschied 3: „Wir können sowieso nichts gegen Austritte machen, weil die Gründe dafür im gesellschaftlichen Kontext zu suchen sind!“

Tatsächlich waren in der Vergangenheit die Anlässe für den Anstieg der Kirchenaustrittszahlen eng mit gesellschaftlichen Umwälzungen und (Neu-)Regelungen verbunden. Aktuell sind es aber Ereignisse in der Kirche selbst, die dazu führen. Dies lässt sich anhand einer Aufschlüsselung der Austritte nach den jeweiligen Monaten eines Jahres deutlich zeigen. Die Schwerpunkte bildeten 2009 der Februar (Rehabilitation der Bischöfe der Pius-Bruderschaft), 2010 März bis Juli (Umfangreiche Aufdeckung des sexuellen und gewalttätigen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen im kirchlichen Bereich) und 2011 Juni bis Oktober (Papstbesuch). Dabei waren aber nicht nur die Ereignisse an sich, sondern in besonderer Weise deren kommunikative Aufbereitung, wie etwa die Behauptung einer Hetzkampagne gegen die katholische Kirche durch die Medien oder die Intransparenz über die realen Kosten des Papstbesuchs, für den jeweiligen Anstieg der Kirchenaustritte mit verantwortlich.

Umgekehrt lassen sich aber auch gegenteilige Effekte entdecken. Im Mai 2012 hatte eine Gruppe von Priestern und Diakonen eine Unterschriftenaktion zu einem geänderten Umgang mit der Situation von wiederverheirateten Geschiedenen in der Kirche gestartet und dies mit dem persönlichen Bekenntnis verbunden, eine solche Praxis im eigenen Umfeld schon umzusetzen. Die gemeinsame Erklärung  nach einem Gespräch des Freiburger Erzbischofs mit den Initiatoren der Aktion, sich „im Grundanliegen einig zu sein“ und „in absehbarer Zeit zu konstruktiven Lösungen zu kommen“, hat eine Welle der Solidarisierung ausgelöst. Solidarisierung ermöglicht Identifikation – mit Anliegen, mit Handlungsoptionen und nicht zuletzt mit Personen. Deswegen ist die verschiedentlich geäußerte harsche Kritik an derartigen Aktionen eigentlich nicht wirklich verständlich, denn sie führen bei nicht wenigen Menschen zu einer wahrnehmbaren Verbesserung im Kirchenverhältnis. Daraus kann sicherlich nicht geschlossen werden, dass die eine oder andere Äußerung direkt zur Motivation oder zum Hindernis für einen Kirchenaustritt wird. Es geht hier stärker um grundsätzliche Einstellungen.

Perspektiven

Aus meiner Erfahrung als diözesaner Verantwortlicher für Kirchenaustritt, die ich in vielen Gesprächen und Mails mit Austrittswilligen im Rahmen des Dialog-Prozesses im Erzbistum Freiburg gemacht habe, möchte ich einige Perspektiven aufzeigen, die alle eindeutig für einen offenen und offensiven Umgang mit den Themen durch kirchliche Verantwortungsträger sprechen:

1. Kirche wird als desinteressiert an den Menschen erlebt. Kirchliche Kommunikation erweckt oft den Eindruck unehrlich und oberflächlich zu sein. Die Äußerungen wirken dabei ignorant und schönfärberisch. Wenn Repräsentanten der Kirche signalisieren, um die Zusammenhänge der Kirchendistanzierung zu wissen und diese ernst zu nehmen oder zumindest bei den weiteren Überlegungen zu bedenken, ist viel gewonnen. Das latente Desinteresse sollte dringend aufgebrochen werden, ohne dabei aber in hektische Betriebsamkeit oder puren Aktivismus zu verfallen.

2. Kirche wird als unsolidarisch mit den Nöten und Sorgen der Menschen erlebt. Es braucht in der kommunikativen Selbstdarstellung und auch im Handeln der Kirche das wahrnehmbare Verständnis für differenzierte Situationen in der Gesellschaft. Denn nur einer solidarischen Kirche wird Solidarität entgegengebracht.

3. Kirche wird als kommunikativer Dschungel erlebt, in dem nicht einmal die hauptberuflich Mitarbeitenden den Weg kennen. Dadurch verpuffen Anfragen, Anliegen, ehrliche Kritik und Beschwerden.  Hier braucht es kompetente Anlaufstellen, so etwas wie „kirchliches Mitgliedermanagement“, das eine dauernde und verlässliche Erreichbarkeit (Mail, Phone, …) sowie eine kompetente Lotsenfunktion zu anderen Bereichen (Kirchensteuer und Kirchenverwaltung, Offizialat, Seelsorge und Begleitung) ermöglicht. Hier ist ausdrücklich die überörtliche Ebene gefragt.

Und warum sollte nicht auch einmal ein Gespräch oder eine Anfrage direkt von diözesanen Leitungsverantwortlichen bearbeitet werden?

 

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