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Im Interview:
Prof. Rolf Schieder
Bild: © carölchen photocase.de

 

 
   

 

Prof. Dr. Rolf Schieder ist seit 2002 Professor für Praktische Theologie an der Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin.

 
   

 

 

Zahlen, Daten, Motive, Lage, Trends

Interview mit Professor Rolf Schieder

Wie viele Kirchenmitglieder sind in den letzten Jahren ausgetreten und welche Austritts-Trends beobachten Sie?
Die römisch-katholische Kirche hat zwischen 1990 und heute mehr als 3,5 Millionen Mitglieder verloren, die in der EKD organisierten evangelischen Kirchen mehr als 5 Millionen Mitglieder. Allerdings übersteigt die Zahl der Sterbefälle die Zahl der Austritte um das Doppelte – und die Zahl der Taufen und Wiedereintritte die Zahl der Austritte um etwa ein Drittel. So standen zwischen 1991 und 2008 in der EKD 5,2 Millionen Taufen 3,7 Millionen Kirchenaustritten gegenüber und in der römisch-katholischen Kirche 4,4 Millionen Taufen 2,3 Millionen Austritten. Das demographische Problem der Überalterung ist also drängender als das Austrittsproblem.

Jährlich verlassen durchschnittlich 250.000 Menschen die beiden Kirchen. Zurzeit gehören noch 60 Prozent der Deutschen einer der beiden großen Kirchen an. Man muss damit rechnen, dass die Quote in den nächsten 20 Jahren auf 50 Prozent gesunken sein wird. Zum Vergleich: Zurzeit gehören 1,9 Prozent der Deutschen einer der im Bundestag vertretenen Parteien an.

Welche Austrittsmotive sind Ihrer Meinung nach die dominanten? Die Kirchensteuer in Deutschland ist an die Einkommenssteuer gekoppelt. Wer acht zusätzliche Prozentpunkte auf seine Einkommenssteuerlast sparen will, der kann das mit seiner Austrittserklärung sehr leicht tun. Steuerberater legen den Kirchenaustritt aus Steuerersparnisgründen gerne nahe. Die Bedeutung finanzieller Erwägungen zeigt sich nicht nur an erhöhten Austrittszahlen bei Änderungen der Einkommenssteuergesetzgebung, sie zeigt sich auch daran, dass vor allem Berufsanfänger im Alter zwischen 25 und 35 Jahren zum Kirchenaustritt neigen.

In den ersten fünf Berufsjahren ist das Kirchenaustrittsrisiko sechsmal höher als im späteren Berufsleben. Es ist freilich spannend, dass in den letzten Jahren die Unzufriedenheit mit der Institution oder einzelnen Amtsträgern als Austrittsgrund an Bedeutung zugenommen hat und in den letzten Jahren die finanziellen Gründe auf den zweiten Rang verdrängt hat. Spannend ist auch, dass der Verlust des Glaubens an Gott nur für jeden Fünften eine Rolle beim Kirchenaustritt spielt. Und nur 2 Prozent nennen den Glauben an andere Götter als Motiv. Hinzu kommt ein allgemeiner Trend der Individualisierung und der Deinstitutionalisierung einer sich globalisierenden Gesellschaft. Der Trend geht hin zum "believing without belonging." Viele sind davon überzeugt, dass sie auch ohne Kirche gute Christen sein können. Unter diesem Trend leiden nicht nur die Kirchen. Auch Gewerkschaften, Parteien und Vereine leiden unter einem enormen Mitgliederschwund. Langfristige Bindungen erscheinen nicht mehr zeitgemäß. Kurzfristiges, vorübergehendes Engagement hingegen ist attraktiv.

Gab es bestimmte Austrittswellen? Sind diese auf bestimmte Ereignisse rückführbar?
In der Regel treten etwa ein Drittel weniger katholische Christen als Protestanten aus ihrer Kirche aus. Ihre Kirchenbindung ist auch deshalb höher, weil sich die katholische Kirche als eine Heilsanstalt versteht, während im Protestantismus die Kirche oft nur als eine Versammlung von Gläubigen angesehen wird. Das Jahr 2010 ist aber insofern bemerkenswert, als zum ersten Mal in der Geschichte der Kirchenaustrittsstatistik die Zahl der Austritte aus der römisch-katholischen Kirche die derjenigen aus den evangelischen Landeskirchen um die Zahl von 35.943 übersteigt. Im Jahr 2010 traten 181.193 Menschen aus der katholischen Kirche aus; im Jahr 2006 waren es lediglich 84.389.

Gibt es regionale Unterschiede bei den Austritten? Wenn ja: Wie erklären Sie sich diese?
Die Zahl der Kirchenaustritt im Süden Deutschland liegt in den letzten Jahren höher als im Norden. Das hat schlicht mit der Erschöpfung des Austrittspotentials im Norden zu tun. Der Süden holt sozusagen auf und nach.

Welchen finanziellen Verlust erleiden die Kirchen in der BRD durch Austritte?
Das Kirchesteuereinkommen der beiden großen Kirchen lag im Jahr 2001 bei 8,5 Mrd. €. Im Jahr 2010 lag es bei 9,2 Mrd. €. Die Kirchensteuereinnahmen sind also trotz der Austritte und der hohen Sterberate gestiegen.

Wie verändert sich das Kirche-Staat-Verhältnis durch die Schrumpfung der Mitgliederzahlen und die Erosion des Repräsentationspotenzials der Kirchen?
Das Verhältnis des Staates zu den Kirchen ist gesetzlich geregelt und wird von schrumpfenden Mitgliederzahlen grundsätzlich nicht tangiert. Selbst in Ostdeutschland, wo nur noch knapp 20 Prozent aller Bewohner einer Kirche angehören, ist der konfessionelle Religionsunterricht – mit Ausnahme von Brandenburg – ordentliches, staatlich finanziertes Unterrichtsfach. Vergleicht man übrigens das politische Engagement im Osten mit der Kirchenzugehörigkeit, dann fällt auf, dass Kirchenmitglieder überdurchschnittlich hoch in den Parlamenten vertreten sind.

Auch von einer Erosion des Repräsentationspotentials des Protestantismus kann angesichts eines Bundespräsidenten, der früher protestantischer Pfarrer in Rostock, und einer Bundeskanzlerin, die Pfarrerstochter aus dem Osten war, kaum gesprochen werden. Wie wenig es auf bloße Quantität ankommt, zeigen die Kirchen in der DDR: sie waren eine diskriminierte Minderheit und entwickelten in der Wendezeit eine enorme öffentliche und politische Bedeutung. Die Bedeutung der Kirchen im Bereich der Bildung und der Wohlfahrt ist nach wie vor enorm und wird angesichts der demographischen Entwicklung in Deutschland noch zunehmen.

Nur der Vollständigkeit halber: Gibt es nennenswerten Kircheneintritte? Welche Motive liegen hierfür vor?
Das Verhältnis von Kirchenaustritten und Kircheneintritten liegt bei 2,6:1. Im Jahr 2010 traten 145.250 Menschen aus der Evangelischen Kirche aus, 56.905 traten in einer der Landeskirchen ein. Die überwiegende Zahl sind Wiedereintritte. Hinzu kommen Übertritte aus anderen Religionsgemeinschaften. Die Zahl der neu Eintretenden, mit anderen Worten: der Erwachsenentaufen nimmt kontinuierlich zu. Das weist darauf hin, dass die Lebensläufe von Menschen sich immer weniger an einer "Normalbiographie" orientieren. Als Hauptmotiv geben die Wiedereintretenden den Wunsch an, wieder dazugehören zu wollen. Vor allem für die Begleitung der eigenen Biographie – Seelsorge bei Trauung, Taufe, Beerdingung, aber auch bei der religiösen Erziehung der Kinder – erscheint die Kirche wichtig.

Gibt es in den Zahlen und Trends Unterschiede innerhalb der Konfessionen?
Mit Ausnahme des Jahres 2010, als der Kindesmissbrauchsskandal die Republik erschütterte, gibt es kaum konfessionelle Unterschiede. Die Kirchenbindung der katholischen Christen an ihre Kirche ist aufgrund der Heilsnotwendigkeit der Kirchenmitgliedschaft höher als bei den Protestanten. Im Protestantismus ist die unmittelbare Beziehung des Individuums zu Gott zentral – insofern kommt vielen Protestanten die Aussage: "Ich kann auch ohne Kirche ein guter Christ sein." sehr leicht über die Lippen.

Bitte erklären Sie uns kurz: Wie verläuft so ein Kirchenaustritt?
In Deutschland erklärt ein getaufter Christ seinen Austritt aus seiner Kirche gegenüber dem Standesamt. Die staatlichen Behörden informieren daraufhin die Kirchen über den erklärten Austritt.

Was geschieht theologisch, wenn man aus der Kirche austritt? Geschieht eine Art Unwirksamkeit der Taufe? Wird man exkommuniziert? Welche Kirchenrechte verliert man?
Die Erklärung des Kirchenaustritts gegenüber einer staatlichen Behörde ist ein deutscher Sonderfall. In den USA beispielsweise interessiert sich der Staat für die Religiosität seiner Bürgerinnen und Bürger nicht. Wer seine Kirchengemeinde verlassen will, der erklärt das seiner Gemeinde und nicht einer staatlichen Behörde. Die Taufe kann durch einen Kirchenaustritt nicht ungeschehen gemacht werden. Es ist ja auch der Fall denkbar, dass ein Christ das deutsche System der Verflechtung von Staat und Kirche ablehnt und deshalb aus der Kirche austritt, sich gleichwohl aber als Christ in seiner Kirche engagiert – und beispielsweise den bisherigen Kirchensteuerbetrag direkt an seine Kirchengemeinde abführt. Ein Automatismus zwischen Kirchenaustritt und Exkommunikation würde also die Besonderheiten des deutschen Staatskirchenrechtes verkennen. Bemerkenswert fand ich die Aussage Joschka Fischers auf die Frage, warum er denn noch nicht aus der katholischen Kirche ausgetreten sei: "Wo ich nicht eingetreten bin, da kann ich auch nicht austreten!"

Gibt es Erhebungen zu Austrittswahrscheinlichkeiten? Welche Bevölkerungssegmente, welche Milieus, welche Lebensstile stehen vor dem Kirchenaustritt?
Die Milieuforschung zeigt, dass die Kirchen nur noch wenig Kontakt zu den hedonistischen Milieus und den Milieus der Performer hat. Bevölkerungsstatistisch gravierender ist freilich der seit Jahrhunderten verlorene Kontakt zu den Arbeitermilieus. Die Kirchen sind in den bildungsbürgerlichen Mittelschichten verankert. Die Schrumpfung der Mittelschicht ist für die Kirchen bedrohlich.

Wie wird das Thema von der Religionssoziologie traktiert?
Da gibt es eine ganze Bandbreite von Ansätzen. Wenig hilfreich sind Diagnosen, die von einem notwendigen Niedergang des Religiösen in der Moderne ausgehen. In globaler Perspektive ist das Gegenteil der Fall. Je detaillierter das Forschungsdesign, umso besser sind die Ergebnisse. Die EKD führt seit 1967 alle zehn Jahre eine detaillierte Mitgliederbefragung durch. Die Kirchenbindung zeigt sich dabei als relativ stabil – sie ist vor allem über Begegnungen mit der Kirche an Wendepunkten der eigenen Biographie vermittelt. Eine bessere Koordination der religionssoziologischen Forschung wäre sehr wünschenswert.

Meinen Sie, dass Kommunikationsmaßnahmen, wie die oben genannten, überhaupt etwas bewirken könnten?
Ich bin der Meinung, dass die beste Werbung für die Kirchen eine qualitativ hochwertige Arbeit auf den Arbeitsfeldern Gottesdienst, Seelsorge, Unterricht und Diakonie ist. Je mehr die Menschen von der Qualität der kirchlichen Bemühungen überzeugt sind, umso mehr sind sie bereit, die Kirchen durch finanzielle Opfer zu unterstützen.

Wenn nein: Was sollten die Kirchen Ihrer Meinung nach tun? Was weiß man über Verbleibmotive in der Kirche? Welche Benefits äußern die Mitglieder? Welche Gratifikation wird der Kirchenmitgliedschaft zugeschrieben?
In Deutschland entscheidet man sich in der Regel nicht als Erwachsener für eine Kirche – man wird vielmehr als Kind getauft und erbt seine Kirchenzugehörigkeit sozusagen von den Eltern und der Familie. Die Treue zur eigenen Familientradition ist ein bedeutender Faktor der Kirchenbindung. Die Kirchen repräsentieren durch ihre Kirchengebäude darüber hinaus im ländlichen Raum auch das Gemeinwesen als solches.

Die Kirche soll im Dorf bleiben – selbst wenn man nicht mehr an den Sonntagsgottesdiensten teilnimmt. Die Menschen in Deutschland haben zur Kirche ein Verhältnis wie zur Feuerwehr: Es soll sie für die Notfälle des Lebens auf jeden Fall geben – aber wer will die Feuerwehr schon jede Woche im Haus haben? Wenn das Gemeinwesen von Katastrophen heimgesucht wird, suchen die Menschen in Deutschland die Kirchen auf: Wenn Amokläufer in Schulen um sich schießen, wenn Naturkatastrophen die Menschen heimsuchen, wenn gefallene Soldaten aus Afghanistan beigesetzt werden müssen – immer werden die Kirchen um rituellen und seelsorgerlichen Beistand gebeten.

Was sagen Sie zu der These, dass Kirche auf ihre "Kunden" zugehen (keine Hol-, sondern Bringschuld)? Muss sich Kirche wie Unternehmen mehr um ihre Kunden kümmern, ihrem Gegenüber mehr Respekt entgegen bringen?
Die Kirche ist kein Unternehmen und die Christen sind keine Kunden. Ich halte die "Verbetriebswirtschaftlichung" der Kirchen für ein großes Problem. Es verhält sich traditionsgeschichtlich umgekehrt: Die großen Unternehmen haben in den letzten Jahrzehnten doch die Kirchen nachgeahmt: von der Corporate Identity, über Mission Statements bis hin zur Überwachung des moralischen Lebenswandels der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Für die Bischöfe wird es ganz wichtig sein, dass sie sich nicht als Manager verstehen und die Kirchenmitglieder als ihre Kunden. Martin Luther sprach vom "Priestertum aller Gläubigen" und zielte darauf ab, dass jeder Christ auf seine Weise überall "im Dienst" ist.

Ist es für Sie denkbar, dass neue Milieus für soziale und christliche Werte sensibilisiert werden können? Wenn ja: Wie sollte das konkret aussehen?
Zwischen den ökologisch Engagierten und den Kirchen gibt es schon seit langem gute Kontakte. Auch die Kontakte zwischen der Feministischen Theologie und den an Genderdiskursen Interessierten sind gut entwickelt. Gewerkschaften und Kirchen kämpften gemeinsam für den freien Sonntag. Familienunternehmen in Deutschland engagieren sich mit ihren Stiftungen auf vielfache Weise für die Kirchen. Kirchliche Schulen können sich vor Anmeldezahlen kaum mehr retten. Kooperationsmöglichkeiten mit den künstlerischen Milieus liegen auf der Straße.

Was würden Sie Kirche empfehlen, um Gläubige zu halten oder neue Mitglieder zu gewinnen?
Die biblische Botschaft authentisch weitersagen.

Was ärgert Sie am meisten beim Blick auf kirchliche Mitgliederbindung und -gewinnung?
Ich halte die Kirche für eine "Schule des Christentums". So wie jeder Bürger irgendwann einmal – hoffentlich mit viel Gewinn – seine Schule verlassen hat, und sich "draußen in der Welt" bewähren muss, so soll sich auch die Kirche nicht darüber definieren, wie viele Menschen ihre Veranstaltungsangebote nutzen. Vielmehr soll sie sich darüber freuen, wenn Christen außerhalb der Kirche das, was sie in ihr gelernt haben, praktizieren. Im Übrigen zahlt sich Qualität immer aus: wenn die Gottesdienst gut sind, dann kommen die Menschen gerne und in großer Zahl. Wenn das Angebot aber miserabel ist, dann ist es ganz sachgemäß und hoffentlich auch heilsam für die Veranstalter, wenn niemand es wahrnimmt.

Warum sollen sich Christen Fußballfans zum Vorbild nehmen, wie Sie es vor kurzem formuliert haben?
Viele Christen sind fest davon überzeugt, dass Religion Privatsache ist – und deshalb behalten sie ihre religiösen Überzeugungen gern für sich und wagen nicht, darüber zu sprechen. Damit ist der eigene Glaube aber zu einer solch intimen Angelegenheit geworden, dass es den Menschen leichter fällt, über ihre diversen sexuellen Vorlieben zu sprechen als über ihren Glauben. Ein Glaube, der sprachlos und einsam geworden ist, kann sich aber auch nicht weiter entwickeln.

Zwei Fragen zum Schluss: Glauben Sie und sind Sie in der Kirche? Jeder Mensch glaubt. Ich glaube an den gerechten und barmherzigen Gott, wie er in der Heiligen Schrift bezeugt wird. Meine Kirchensteuer kommt der evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz zugute – als getaufter Christ fühle ich mich aber als Teil der alle Kirchentümer und Konfessionen übergreifenden unsichtbaren Kirche Jesu Christi.

 

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